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Die Lebenden reparieren

Réparer les vivants

FR/BE, 2016, 103 min, Franz./OmdtU, R: Katell Quillévéré, K: Tom Harari, D: Tahar Rahim, Emmanuelle Seigner, Anne Dorval, Bouli Lanners, Kool Shen, Monia Chokri 


Bewegendes Organspende-Drama nach dem gleichnamigen Roman von Maylis de Kerangal.

Als Simon am frühen Morgen mit zwei Freunden zum Surfen aufbricht, ahnt niemand etwas von der drohenden Tragödie: Ein schwerer Autounfall verändert auf einen Schlag das Leben des Teenagers. Auch seine Eltern in der Hafenstadt Le Havre müssen plötzlich Entscheidungen treffen, deren weitreichende Konsequenzen sie an ihre Grenzen führen. Unterdessen erfährt die zweifache Mutter Claire in Paris, dass ihr schwaches Herz zu versagen droht, wenn nicht umgehend etwas unternommen wird. Den Ärzten und dem medizinischen Fachpersonal in beiden Städten läuft die Zeit davon. Und so wird sich in den nächsten Stunden zeigen, auf welche Weise diese Menschen untrennbar miteinander verbunden sind und wie drei scheinbar zusammenhanglose Stränge einer Geschichte in einen gemeinsamen Kampf münden: den leidenschaftlichen Kampf ums Leben…
Als Vorlage für ihren dritten Spielfilm wählte Katell Quillévéré den Roman »Die Lebenden reparieren« von Maylis de Kerangal, der 2015 in Frankreich zum Bestseller avancierte und mit Literaturpreisen überhäuft wurde. 24 Stunden aus dem Leben einer Handvoll Menschen, die durch das Unfallkoma eines jungen Mannes in Extremsituationen gestürzt werden; ein faszinierender Wettlauf mit der Zeit, der allen Beteiligten emotional so zusetzt wie bis dahin kein anderes Ereignis in ihrem Leben. Ebenso realitätsnah und dabei teilweise fast schon poetisch inszeniert, überzeugt DIE LEBENDEN REPARIEREN als Drama von visueller Kraft und verstörender Tiefgründigkeit. Dem besonderen Gespür der jungen Regisseurin im Umgang mit dem heiklen Thema ist es zu verdanken, dass die melancholische Geschichte viel menschliche Wärme und mehr als einen Funken Optimismus ausstrahlt. Mit DIE LEBENDEN REPARIEREN liefert Katell Quillévéré ihre bislang beste Arbeit ab: einen spannenden, ergreifenden und unglaublich lebendigen Film über Herzschlagmomente zwischen Tod, Leben und Liebe, zwischen Angst und Hoffnung, die man so schnell nicht vergisst…

REGIESTATEMENT
Die Geschichte, die der Roman von Maylis de Kerangal erzählt, erschütterte mich in meinen Grundfesten: Ein Herz, das von einem Menschen zum anderen übergeht, eröffnet – ganz abgesehen von der dramatischen Kraft, die einem solchen Umstand innewohnt – wissenschaftliche, poetische und metaphysische Perspektiven. Und es sind diese widersprüchlichen Elemente, die mich faszinieren. Auf der einen Seite haben wir die moderne, sich ständig weiterentwickelnde Biomedizin und wie sie den menschlichen Körper nutzt, auf der anderen ewige Menschheitsfragen: Wann endet das Leben? Was ist der Tod? Das Sein, die Symbolik unserer Körperteile… Maylis de Kerangal hat ihren Roman als »gestisches Chanson« (chanson de geste) bezeichnet. Organe zu spenden ist nicht nur eine rein organische Angelegenheit, sie enthält auch ein sakrales Element. Das Sakrale und wie man es in Bilder übersetzen kann, ist etwas, das mich seit meinem ersten Film EIN STARKES GIFT beschäftigt. Ich glaube, der Mensch spürt instinktiv, dass es sich in DIE LEBENDEN REPARIEREN um eine Art Grenzüberschreitung handelt, wenn man unter die Haut schaut, die ja eine natürliche Grenze bildet und unsere Identität bewahrt. Chirurgen verletzen diese Grenze im OP-Saal immer wieder, während sie versuchen, Leben zu retten. Wie jedoch schaffe ich es als Filmemacherin, dass der Zuschauer es akzeptiert, potentiell verstörende und schockierende anatomische Bilder auf der Leinwand zu sehen? Es handelt sich um eine faszinierende Herausforderung, die darin besteht, Bilder zu finden, die veranschaulichen, dass in Momenten wie diesen, wenn es um Leben und Tod geht, Triviales und Sakrales miteinander verschmelzen. In ihrem Roman wechselt Maylis de Kerangal auf anmutige Weise von einer Figur zur anderen und geht deren Persönlichkeiten auf den Grund, ohne Angst zu haben, dass sie von ihrem eigentlichen Thema abweicht. Diese Freiheit wohnt dem geschriebenen Wort inne. Das Kino hingegen legt einem ganz bestimmte Zwänge auf, die aber immerhin dazu führen, dass man sich fragen muss, weshalb man einen Film eigentlich unbedingt machen möchte. Jedes Mal, wenn ich über diesen Film nachdenke, hoffe ich, dass es mir gelingt, das metaphysische Gefühl der Bewegung einer menschlichen Entität zu vermitteln und die organische Kontinuität aufzuzeigen, mit der Blut durch den menschlichen Körper strömt. Ein Herz hört in einem Körper auf zu schlagen und verlängert das Leben eines anderen Menschen. Es ist eine wunderbare Reise, auf der wir Menschen erkennen, dass wir alle Glieder einer Kette sind, Teil eines Ganzen. Und miteinander verbunden.

Nächste Spieltermine:

Do. 14. Dezember 18:30 Uhr OmU Movie 3
Sa. 16. Dezember 14:00 Uhr OmU Movie 1
Mi. 20. Dezember 16:00 Uhr OmU Movie 1
Zum Reservieren klicken Sie bitte auf den gewünschten Termin. Bitte beachten Sie, dass u. U. nicht für jede Vorstellung reserviert werden kann.
Programmänderungen (auch Saalwechsel) vorbehalten.
Die Lebenden reparieren
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