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Antichrist

Antichrist

DK/DE 2009, 108 min, R: Lars van Trier, K: Anthony Dod Mantle, D: Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe 


Depressionsbewältigung à la van Trier

Cannes 2009: Beste Darstellerin –
Charlotte Gainsbourg

Von Ulrike Steiner:
Die Debatten um Lars von Triers Antichrist seit der Uraufführung in Cannes sind kontroversiell, kaschieren die Hilflosigkeit gegenüber einer Arbeit, die eine so schmerzhafte Wirkung auf den Zuschauer hat wie Luis Buñuels berühmt-berüchtigter Rasiermesserschnitt durch das Auge einer jungen Frau in Der andalusische Hund (1928). Die Reflexe, die der Film abruft sind ähnlich denen, die ein Albtraum auslöst – man möchte fliehen, kann (und will?) sich aus der Situation aber nicht befreien. Vor die intellektuelle Analyse schiebt sich emotionale Befangenheit. Dieser Film ist ein „Angriff“ und nicht sofort zu verarbeiten, die Bilder haben eine lange Halbwertszeit. Formal hat Antichrist eine klare Gliederung. Der Prolog schildert den Anlass-Fall für den folgenden Geschlechterkampf: Während die beiden namenlosen Akteure „Sie“ und „Er“ sich unter der Dusche lieben, klettert ihr kleiner Bub aus dem Bett und geht verzückt auf das offene Fenster zu, durch das Schneeflocken in den Raum wirbeln. Zur Arie „Lass mich weinen“ aus der Händel-Oper „Rinaldo“ wird in Superzeitlupe und Parallel-Montage Lust mit Tod verschmolzen – das Kind schwebt schier endlos zu Boden. Zu Eröffnung des ersten Kapitels „Trauer“ sehen wir „Sie“ fallen, stumm und rasch, im Trauerzug hinter dem Sarg des Kindes. Einige Wochen später wird „Er“, selbst Therapeut, sie aus dem Spital nach Hause fahren, ihre Medikation absetzen und in die fragwürdige Doppelrolle des Partners und professionellen Betreuers schlüpfen. In Wahrheit ist es Folter, was er ihr antut. Er zwingt sie ständig zur Verbalisierung ihrer Gefühle, er zwingt sie zurück an den Ort vor dem ihr am meisten graut: in ein „Eden“ genanntes Familienrefugium im Wald, wo sie erfolglos an ihrer Dissertation über die mittelalterliche Hexenverfolgung gearbeitet hatte und in eine tiefe persönliche Krise geraten war.
„Schmerz“ überschreibt sich konsequenterweise das nächste Kapitel, in dem sich ihre Agonie in Aggression wandelt. In dem die Natur sich als „Satans Kirche“ gebärdet, der Wald zum Ort einer sich ständig steigernden diffusen Bedrohung wird. Eine Hirschkuh mit vertrocknetem Fötus, ein tollwütiger Fuchs, ein untoter Rabe personifizieren eine unheilige Dreieinigkeit, die Boten des Grauens. Benannt sind sie nach dem Gedicht „The Three Beggars“ von William Butler Yeats und stellen – analog zu den Kapitelüberschriften – „Trauer“, „Schmerz“ und „Verzweiflung“dar. Wo diese drei sind, muss jemand sterben, postuliert Lars von Trier und treibt die gegenseitige Zerfleischung seines Menschenpaares auf die Spitze. Von Schuldgefühlen und dem unerbittlichen Wühlen ihres Therapeuten/Partners in ihrem Schmerz an den Rand des Wahnsinns getrieben, glaubt sie schließlich selbst daran, die Wurzel des Bösen zu sein. Nicht ohne denunzierende Hinweise des Regisseurs: In Rückblenden deutet er an, die Frau habe während des Geschlechtsakts bemerkt, dass das Kind auf die Fensterbank geklettert sei. Auch habe sie das Kind damit gequält, ihm die Schuhe stets rechts-links vertauscht anzuziehen, wie ein zweiter Blick auf Familienschnappschüsse beweist. Unter dem Druck von Trauer, Schmerz und Verzweiflung wird sie zur Megäre, zerschmettert die Hoden des Mannes, fesselt ihn mit einem ans Bein geschraubten Schleifstein, verstümmelt ihr eigenes Genital mit einer Schere. Sein Fluchtversuch und seine vergebliche Schutzsuche im „Schoß der Erde“, aus dem sie ihn buchstäblich ausgräbt, münden ins Inferno. In der Gegen-Welt des Antichrist brennt ein Hexen-Scheiterhaufen als Fanal des Hasses und eine Prozession gesichtsloser Schwestern der Erbsünde zieht gespenstisch bergauf nach Eden. Antichrist ist als Kunstwerk unter Schutz zu stellen und die sich aufdrängende Feminismus-Debatte abzuwürgen, wäre sehr kurz gegriffen. Lars von Trier ist mit diesem Film an seine Grenzen und an die Grenzen des Zuschauers gegangen. Es gibt viele gute Gründe, sich dieser Erfahrung nicht auszusetzen. Es steht aber außer Zweifel, dass diese radikale Arbeit zu respektieren ist. Es steht außer Zweifel, dass Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe als Darsteller das Äußerste zu geben bereit waren. Es steht außer Zweifel, dass Kameramann Anthony Dod Mantle dem Kino hier Bilder hinzugefügt hat, die in der Filmgeschichte Bestand haben werden.

„Es gibt keine Happy Endings mehr“, sagt Dänemarks Extrem-Filmschaffender Lars von Trier in Ankündigung seines geplanten Werks mit dem Arbeitstitel PLANET MELANCHOLIA. Es soll ein „psychologischer Katastrophenfilm“ jenes Mannes werden, der der Menschheit nur „noch drei Generationen“ gibt. Vorerst aber hat die Welt an seinem Film ANTICHRIST zu kauen, der viele Zuschauer seit seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes und nun beim Kinostart schon jetzt auf den PLANET MELANCHOLIA versetzt. Denn Lars von Trier gießt darin die Apokalypse in der Beziehung zwischen Mann und Frau in Bilder mit einer schrecklichen Sogwirkung.
Lars von Trier, dessen Filmographie bekanntlich nicht vor Komödiantik strotzt, bittet diesmal in die finstersten Abgründe seiner in den letzten Jahren durchlittenen Depression: „Ich würde Sie gerne zu einem kleinen Blick hinter die Kulissen einladen, einen Blick in die dunkelste Welt meiner Fantasie. In die Natur meiner Ängste, in die Natur von ANTICHRIST.“ Die Natur von ANTICHRIST – ganz wörtlich genommen als düsterer Wald – ist, das wird im Film explizit formuliert, „die Kirche Satans“. Die Natur von ANTICHRIST ist auch die dunkle Gegenthese zur Erschaffung der Welt, wie sie die Bibel schildert. „Eden“ steht hier nicht als unschuldiger Ausgangspunkt für Mann und Frau vor dem Sündenfall, sondern als Endzeit-Ort der Zerfleischung, der Zerstörung der Sexualität und damit das Ende der Menschheit.
Von Trier, 1956 in Kopenhagen als Sohn einer streng areligiösen Mutter und eines jüdisch-stämmigen Vaters geboren, der während der deutschen Besatzung nach Schweden geflohen war, kämpfte als Kind gegen verschiedene Phobien und begann sich früh und mit dem Ausdrucksmittel einer Super-8-Kamera für das Filmemachen zu interessieren.
Bereits seine ersten Filme stempelten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der europäischen Kinoszene. 1995 begründete er gemeinsam mit drei Regie-Kollegen im Manifest DOGMA 95 eine Filmbewegung, die sich vehement gegen die Vereinnahmung des Kinos durch Effekte und technisches Raffinement wandte, eine Rückbesinnung auf das Erzählen von Geschichten bringen sollte.
Dass nun in seinem ANTICHRIST der Satz „Das Chaos regiert“ zum Schlüsselsatz wird, ist eine Antithese zu jeglichem Regelwerk und auch zum Vorleben des Kontroll-Freaks Lars von Trier. Biographisch interessant ist der Umstand, dass der Regisseur als Dreißigjähriger zum Katholizismus konvertierte und vielleicht selbst in diesem strengen Kodex Schutz vor dem Chaos suchte. Nach der Verleihung der „Goldenen Palme“ in Cannes für DANCER IN THE DARK im Jahr 2000 begann Lars von Trier mit DOGVILLE (2003) seine Amerika-Trilogie.
2004 kündigte sich das gesundheitliche Tief möglicherweise schon in der Absage an Bayreuth an. Trotz zweijähriger Vorarbeit sehe er sich außerstande, für 2006 den „Ring des Nibelungen“ zu inszenieren. Der vierteilige Opern-Zyklus gehe über seine Kräfte.
Das Drehbuch zu ANTICHRIST ist Aufarbeitung einer tiefen persönlichen Krise. In einer im März 2009 verfassten „Gebrauchsanweisung“ zum Film schreibt Lars von Trier:
„Vor zwei Jahren litt ich an einer Depression. Es war eine neue Erfahrung für mich. Alles, egal was, schien unwichtig, trivial. Ich konnte nicht arbeiten. Sechs Monate später schrieb ich, nur als Fingerübung, ein Drehbuch. Es war eine Art Therapie, aber auch eine Suche, ein Test, um zu sehen, ob ich jemals wieder einen Film machen würde. Das Drehbuch wurde ohne großen Enthusiasmus beendet und verfilmt, da dabei nur die Hälfte meiner körperlichen und intellektuellen Kapazität genutzt wurde. Die Arbeit an dem Drehbuch folgte nicht meinem üblichen Modus operandi. Szenen wurden ohne Grund hinzugefügt. Bilder wurden zusammengestellt, unabhängig von Logik oder dramatischem Denken. Oft stammten sie aus Träumen, die ich zu der Zeit hatte, oder Träumen, die ich früher in meinem Leben hatte. Wieder einmal war das Thema Natur, aber auf eine andere und direktere Weise als zuvor… In jedem Fall kann ich keine Entschuldigung für ANTICHRIST bieten. Nichts anderes als meinen absoluten Glauben an den Film – den wichtigsten Film meiner ganzen Karriere!“

Filmografie Lars von Trier (Regie, Auswahl):
1984 The Element of Crime
1996 Breaking the waves
2000 Dancer in the Dark
2003 Dogville
2004 Dear Wendy
2005 Manderlay
2009 Antichrist

Es sind keine Spieltermine für diesen Film vorhanden.
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