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Loveless

Nelyubov

RU/FR/DE 2017, 127 min, R: Andrej Swjaginzew, K: Mikhail Kritschman, D: Maryana Spivak, Aleksey Rozin, Matvey Novikov 


Erschütterndes Porträt einer vergifteten Ehe und ihrer Auswirkungen nicht nur auf das kurz vor der Scheidung stehende Paar, sondern alle Menschen in seinem Umfeld.

Zhenya und Boris, ein Paar aus der gehobenen russischen Mittelschicht, stehen vor den Trümmern ihrer Ehe. Längst ist die frühere Zuneigung bitteren Anschuldigungen gewichen, die gemeinsame Wohnung steht zum Verkauf, beide sind bereits in neuen Beziehungen. Im Zentrum des Debakels und gleichzeitig völlig abseits steht ihr 12-jähriger Sohn Alyosha, dessen Schmerz und Einsamkeit niemand wahrnimmt. Weder die Mutter noch der Vater will ihn in ein neues Leben mitnehmen, ein Internat steht zur Debatte. Als die Vorwürfe zwischen Zhenya und Boris erneut eskalieren, verschwindet Alyosha plötzlich, was die Polizei tatenlos hinnimmt. Im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion von Freiwilligen müssen sich die Ex-Partner wider Willen zusammentun, um das Letzte, was sie noch verbindet, aufzuspüren...
Als Geschichte erkalteter Beziehungen und Kommentar auf die moderne russische Gesellschaft inszenierte Regisseur Andrej Swjaginzew mit LOVELESS den Nachfolger seines mehrfach ausgezeichneten Dramas LEVIATHAN, für das er 2015 unter anderem einen Golden Globe erhielt und für den Oscar nominiert war. Mit sorgfältigem Realismus entwirft er auch in LOVELESS ein Tableau zwischenmenschlicher Gleichgültigkeit: Die Lebensenttäuschung und der oberflächliche Materialismus, dem die Hauptfiguren verfallen sind, machen den Film über das Familienporträt hinaus zu einem intensiven Dokument emotionalen Rückzugs, dem vor allem Unbeteiligte zum Opfer fallen. In den Hauptrollen überzeugen Marjana Spiwak und Alexei Rozin, die Kamera führte Michail Kritschman.
Auf dem Cannes Filmfestival 2017 wurde LOVELESS mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, er hat eine Golden-Globe-Nominierung erhalten und ist nun nominiert für den Oscar als bester fremdsprachiger Film

REGIESTATEMENT
»Ich wage einen Neubeginn und werde die Fehler nicht wiederholen, die mich zur letzten Ernüchterung getrieben haben«: So denken Menschen, die andere für ihr Unglück verantwortlich machen. Letztendlich kann man jedoch nur sich selbst ändern, und zwar von innen heraus. Nur dann wird die Welt um uns herum noch einmal leuchten. Nur kann manchmal vielleicht erst ein schrecklicher Verlust dorthin führen...
Unsere postmoderne Zeit ist von einer postindustriellen Gesellschaft geprägt, dazu von einer kontinuierlichen Flut an Informationen. Deren Empfänger interessieren sich meist sehr wenig für andere Menschen – außer, sie sind ihnen irgendwie von Nutzen. Grundsätzlich ist heute jeder sich selbst genug. Der einzige Ausweg aus dieser Gleichgültigkeit ist, sich bedingungslos für andere einzusetzen, sogar Fremde – wie im Film der Freiwilligenkoordinator, der auf der Suche nach dem verschwundenen Kind mit seinem Team die Stadt durchkämmt, ohne Aussicht auf Entlohnung, aber so engagiert, als hinge sein eigenes Leben davon ab. Der Kern dieser Aufgabe erfüllt jede seiner Handlungen mit Bedeutung. Eine solche Haltung ist für mich der einzige Weg, der fortschreitenden Entmenschlichung entgegenzutreten und die Verwirrung der Welt zu beruhigen.

Es sind keine Spieltermine für diesen Film vorhanden.
Loveless
Moviemento-Programmzeitung
Nr 350 - März 2018
Kunst im Kino - Saison 2020Klassik im Kino