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Nr. 7

Nr. 7

AT 2012, 87 min, R: Michael Schindegger, K: Michael Schindegger 


Mit geschulterter Kamera erkundet Michael Schindegger Wohnhaus Nr. 7, einen Leopoldstädter Mikrokosmos, der 30 Jahre sein Zuhause war.

Die besten Themen liegen oft nur ein paar Schritte weit entfernt: Dreißig Jahre wohnt Regisseur Michael Schindegger nun schon mit Vater und Brüdern in einem Mietshaus in Wien-Leopoldstadt: dem Haus „Nr. 7“. Die Nachbarn allerdings kennt er kaum. Kurz vor der eigenen Hochzeit und dem Auszug will er das ändern. Die Kamera in der Hand läutet er an den Türen und macht sich bekannt mit der vielsprachigen, vorwiegend jüdischen Hausgemeinschaft.
Ein klassisches Wiener Mietshaus: Jahrhundertwendebau, ein wenig heruntergekommen, charmant gealterte Holzfenster in grauem Verputz; zumindest die Außenfassade strahlt in frischem Weiß. Regisseur Michael Schindegger hat die ersten dreißig Jahre seines Lebens hier, in der elterlichen Wohnung im ersten Stock verbracht. Jetzt wollen er und seine rumänische Freundin Dana heiraten und ausziehen. „Davor“, erklärt er aus dem Off, „will ich mich in diesem Haus noch einmal umsehen.“ Denn auch nach vielen Jahren kennt er die Nachbarn kaum.
Die Kamera in der Hand, läutet er an den Türen. Was er findet, ist ein verloren geglaubtes Stück Wiener Kulturgeschichte. Eine vielsprachige, vorwiegend jüdische Hausgemeinschaft, die hier ihren ganz eigenen Rhythmus lebt und den Regisseur hereinbittet, um daran teilzuhaben. Die Hausbesitzerfamilie wohnt auf mehreren Etagen: Eltern, Töchter, Schwiegersöhne und Enkel. Gemeinsam betreibt man im Erdgeschoß eine koschere Fleischerei, ein Treffpunkt der jüdischen Community. Hier werden Sandwiches verpackt, neben der Theke diskutieren junge Männer mit Baseballkappen den Wert der Sabbatruhe. Auf dem Dach zimmern Hausbewohner einen Pavillon für das Laubhüttenfest.
Schindeggers Dokumentarfilm lebt von der persönlichen Begegnung des Regisseurs und Kameramanns mit den Menschen. Als Chronist seiner letzten Wochen „daheim“ ist er immer wieder selbst in Bild und Ton präsent, sieht zu, fragt, steht auch mal im Weg. Gerade, weil der Filmemacher ohne These loszieht, ist er offen für jedes Detail und findet umso mehr.
Wer Wien kennt, weiß, dass diese Hausgemeinschaft für einen schweren Wiederbeginn steht: In der Zwischenkriegszeit hatte einmal die Hälfte der Bewohner des 2. Bezirks Leopoldstadt, den der Volksmund „Mazzesinsel“ nannte, jüdische Wurzeln. Heute gibt es statt der damals 60.000 jüdischen Bewohner dort gerade einmal 3.000. Doch es werden wieder mehr. Nr. 7 ist eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2011. Das Porträt einer Hausgemeinschaft und deren beneidenswert warmer Atmosphäre. Aber natürlich ist dieser Film, in seiner unausgesprochenen historischen und politischen Einsicht, mehr als das.

Es sind keine Spieltermine für diesen Film vorhanden.
Nr. 7
Moviemento-Programmzeitung
Nr 285 - Oktober 2012
Klassik im Kino 18/19Retrospektive: Alfred HitchcockPremiere: Welcome to SodomPremiere: Womit haben wir das verdient?Kollektiv Okabre: Night of the living Dead
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First Reformed