rEARview

Fundstücke des populären Kinos im Originalton
Freitag & Samstag ca.22.00 im City-Kino

Passend zur Jahreszeit widmet sich rEARview dem Konzept »Sommer-Blockbuster« von der Maschekseite und stellt unter dem thematischen Dach des Genres Space Opera zwei (relative) Flops der dies- und letztjährigen Saison zur Diskussion. Wie im Juni-Heft angekündigt, wagen wir uns im Juli tief in die Höhle des Großkonzern-Kinos und warten mit SOLO: A STAR WARS STORY in der englischen Originalfassung und 3D auf. Die unvermeidliche Weiterführung der Star Wars-Saga, diesmal nicht nur ganz ohne Lichtschwerter sondern auch weitgehend befreit von der Bürde des in manchen Kreisen orthodox ausgelebten Kults um die eigene Bedeutungsschwere. Die Erzählung der Sturm-und-Drang-Jahre Han Solos wird als eskapistisches Space-Western-Heist-Movie zwar nie mehr als die Summe ihrer Einzelteile – dafür hätte es wohl mehr als des Antriebs des Millennium Falcons und eines geringeren, die Kreativität nicht gar so betäubenden Produktionsbudget bedurft, als jenem der kolportierten 300 Millionen Dollar. Dafür entschädigt aber ein Vergnügen der besonders altmodischen Art mit einem unüblich inspirierten Cast rund um den subtil die Manierismen des jungen Harrison Fords changierenden Alden Ehrenreich: Neben ihm geben sich Emilia Clarke, Woody Harrelson und Thandie Newton ein Stelldichein. Angesichts dieser Besetzung eigentlich kein Wunder, dass die ursprünglich für die Regie engagierten Jungtalente Phil Lord und Christopher Miller Gefallen daran fanden, ihren Schauspielern Raum für Improvisation zuzugestehen und Möglichkeiten für spätere Interventionen durch das Studio so gut als möglich zu minimieren trachteten. Dass sie nach gut der Hälfte der Dreharbeiten vom Set weg gefeuert und just durch den einst anarchischen Roger Corman-Schüler (und heute zweifachen Oscar-Preisträger und George Lucas-Intimus) Ron Howard ersetzt wurden, entbehrt nicht feiner filmhistorischer Ironie: 1977 wurde Cormans B-Movie-Imperium vom Wellengang George Lucas' frisch aus der Taufe gehobenen, heute längst um Milliarden an Disney verkauften Raumschiff-Frachter weitgehend seeuntauglich gemacht – und mit ihm verschwanden sukzessive die denkwürdigsten, ehemals populären Blüten der Filmgattung Space Opera von den Leinwänden der Drive-In- und Grindhouse-Kinos – vielleicht verirrt sich eine dieser Perlen in eine kurzfristig anzuberaumende rEARview-Doublebill... Einen Fixstart jedenfalls wollen wir mit genau einem Jahr Abstand zum regulären Start einem in vielerlei Hinsicht dieser Entstehungsgeschichte widersprechendem Beispiel für ein modernes Space-Märchen gewähren: Regisseur und Produzent Luc Bessons lang gehegtem Herzensprojekt VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS wird endlich noch ein Originalfassungs-Einsatz auf der großen Leinwand im City-Kino gegönnt sein. Basierend auf den populären französischen Comics von Pierre Christin und Jean-Claude Mézières (letzterer zeichnete bereits ungenannt für das Produktionsdesign von THE FIFTH ELEMENT mitverantwortlich) übertrifft Besson darin in puncto visuellem Detail- und Einfallsreichtum sämtliche Erwartungen. Darüber hinaus – und hier liegt wohl, neben der ein wenig unübersichtlich geratenen zweiten Plothälfte, ein Teil des Problems – nimmt sich seine Zukunftsvision unorthodox originell aus und macht damit einen Bogen zur europäischen Tradition des Autorenfilms, auch und gerade im Bereich der Genrearbeit. Auf den Punkt gebracht hat dies der russisch-amerikanische Filmkritiker Ignatiy Vishnevetsky: »it is rare […] to see a film this extravagant that also feels, for better or worse, like the work of a single personality. The longer action scenes may not always rank with Besson’s early ’90s highlights [...] but there isn’t a moment in this ludicrous, lushly self-indulgent movie that doesn’t feel like its creator is having the time of his life.« Kommerziell belohnt wurde Bessons Risiko (und Spaß an der Sache) jedenfalls nicht und so wird VALERIAN im Bereich der großen Blockbuster-Produktionen eine kuriose Ausnahme von der Regel sein, derzufolge persönliche Handschrift im besten Fall als kosmetischer Makel erkannt wird. rEARview wird für lange Zeit die letzte Möglichkeit bieten, den Film in seinem ihm zugedachten Originalformat zu bewundern. Wer neugierig auf die Ursprünge nicht weniger der visuellen Einfälle in Bessons jüngstem Werk geworden ist, kann THE FIFTH ELEMENT (1997) an ausgewählten Abenden im Juli gleichberechtigt und würdig auf unseren Leinwänden (wieder)entdecken. 

Eine sehr persönliche Handschrift in ungewöhnlicher Umgebung wir auch im August zu Vorschein kommen, wenn wir »Action-Auteur« David Leitch eine Personale im Miniatur-Format widmen. Der ehemalige Stuntman und Action-Choreograph hat im letzten Jahr mit ATOMIC BLONDE (den wir ebenfalls mit exakt einem Jahr »Verspätung« zur Nachlese anbieten werden) mit einem Handstreich das neue Actionkino auf seine gar nicht neuen, aber seit Jackie Chans Großtaten im Hong Kong-Kino Ende der 1980er und Anfang der 1990er-Jahren nicht mehr so formvollendet exekutierte Grundzutaten rückbesonnen. In einem weitgehend fiktionalisierten Berlin unmittelbar vor dem Mauerfall bricht eine wilde Doppel- und Dreifachagentenhatz vom Zaun in deren Zentrum die amerikanische Agentin Lorraine Broughton, gespielt von Charlize Theron, steht. Abgezielt wird hier nicht etwa auf Milieutreue à la John Le Carré, vielmehr wird mit formaler Extravaganz in Gestalt eines neonfarbenen Killer-Balletts zu einem fast schon zu perfekten 80er-Eurotrash-Mixtape (inklusive Nena und Falco!) aufgewartet. Der endlich nicht mehr halbherzige Versuch eine weibliche James Bond-Entsprechung zu kreieren gelingt mit fliegenden Fahnen und lässt nicht nur Angelina Jolie vergleichsweise blasiert wirken. Zum maximalen Effekt ausgestellte feminine Reize und die glaubwürdige Fähigkeit zu äußerster Brutalität  belegen Charlize Therons Wandlungsfähigkeit und »physische Intelligenz« als Schauspielerin einmal mehr – Daniel Craig wird sich warm anziehen und vielleicht in Zukunft auch öfter ausziehen müssen! Konnte man RED SPARROW eine Affinität zu pornografischer Exploitation nicht absprechen, ist hier jedoch die gleiche Augenhöhe aller Akteure Voraussetzung für eine gelingende Operation. Die Symbiose aus Leitchs und Therons Talenten kulminiert ca. 2/3 in den Film in einer aufwendigen Nahkampf-Choreographie zwischen Broughton und mehreren Polizisten in einer Wohnung unterlegt von George Michaels »Father Figure« – einer Szene, die zum einfallsreichsten, sinnlichsten und kinematographisch erstaunlichsten im westlichen Action-Kino der letzten zehn Jahre gehört. Folgerichtig wurde Leitch im Jahr darauf mit der Regie bei DEADPOOL 2 betraut, jenem konzeptimmanent leicht räudigen (und dennoch ungefähr viermal höher als ATOMIC BLONDE budgetierten) Marvel-Randphänomen, dessen kommerzieller Erfolg bereits das zweite Mal in Folge beweist, dass es durchaus lohnen kann, sein Publikum erwachsen unterhalten zu wollen und Comic-Fanwissen in breitem Umfang vorauszusetzen, statt auf überlange Exposition angewiesen zu sein. Leitchs ausgeprägte Sorgfalt erweist sich als hilfreiche Eigenschaft im niederschwelligen Auseinandersetzen des unübersichtlichen Figuren-Wirrwarrs im Marvel-Universum, ebenso wie in den unüblich detailreich und bei allem Bombast räumlich stets klar verortbar inszenierten Action-Sequenzen. Das von Ryan Reynolds diesmal mitverantwortete Script lässt im Originalton die ausgewogene Balance zwischen Plot und Meta-Talk – inklusive häufigem Durchbrechen der vierten Wand durch den »Merc with a mouth« – zu einem insgesamt sehr runden Vergnügen werden und gibt Zeugnis von der künstlerischen Komplizenschaft die zwischen der Maverick-Attitüde eines Regie-Handwerkers und seinen inspirierten Stars erwachsen kann.

 

 

Termine entnehmen Sie bitte dem Wochenprogramm und den jeweiligen Filmseiten.

Wir freuen uns über Feedback an rearview@moviemento.at

 

 

Solo: A Star Wars Story

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