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Zu Fuß nach Santiago de Compostela

Zu Fuß nach Santiago de Compostela

CH, 2007, 95 min, OdF, R: Bruno Moll, K: Bruno Moll 


Dokumentation, die die Höhen und Tiefen des Pilgeralltags eines Schweizer Wanderers über 30 Tage hinweg schildert.

Jakobus war einer der zehn Apostel und wurde 44 n.Chr. in Jerusalem enthauptet. Die Legende erzählt, dass sein Leichnam über das Mittelmeer an die galizische Küste und nach Santiago gebracht worden ist und dort begraben wurde. Ob sich das Grab Jakobs tatsächlich an dieser Stelle befindet, wird immer wieder angezweifelt. Aber aus Erfahrung wissen wir: Legenden halten sich besser als historische Tatsachen. Der Ort wurde nach der wundersamen Entdeckung des Grabes um 825, durch Klerus und Adel tatkräftig gefördert, zum Pilgerort, der bis heute – mit Unterbrechung während des Franco-Regimes – bereits unzählige Gläubige anzog.
Auch der Schweizer Theaterpädagoge Roman Weishaupt hat dieses Ziel vor Augen: In drei Monaten will er auf dem berühmten Jakobsweg bis nach Santiago de Compostela pilgern. 2300 strapaziöse Kilometer liegen vor ihm. Die Lust an der Herausforderung und die Hoffnung, sich selbst besser kennen zu lernen, sind sein Antrieb.
Bruno Moll hat Roman auf den wichtigsten Etappen seiner Reise begleitet. Er hat Bilder geschaffen, die zum Schwelgen und zum Verweilen einladen. Dem Rhythmus des Wanderers folgend, erzählt der Film von Momenten der Euphorie und der Genugtuung und von ebenso bereichernden wie erheiternden Kontakten mit anderen Pilgern. Aber auch davon, welche Anstrengungen eine solche Reise mit sich bringt. Was es heißt, im französischen Niemandsland eine Herberge zu suchen oder in den Pyrenäen gegen den Wind anzukämpfen. Die bewegendsten Momente hält Roman selbst mit seiner Kamera fest und gewährt uns in persönlichen Reflexionen in der rätoromanischen Muttersprache intime Einblicke in seine Gefühlswelt.

Im September 2005 bin ich, von Santiago aus, den Jakobsweg eine Woche lang in entgegengesetzter Richtung gelaufen. Die meisten wollten mir den „rechten Weg“ zeigen, da ich in die falsche Richtung laufen würde. So ergab sich auf natürliche Weise die Gelegenheit, mich mit vielen Pilgern auszutauschen und sie nach ihren Motiven zu befragen. Einige nennen religiöse Motive, andere kulturelle Motivation, andere wollen zur Besinnung kommen, Askese, Loslassen von Sicherheiten, körperliches Aushalten, in die Stille kommen, etwas zu Ende führen, seinen Willen testen, Neugier, Magie, Mysterium, Reinigung vom Alltag, Begegnungen, mit sich ins Reine kommen, Klarheit gewinnen, sich selbst aushalten, seinen Kopf leeren, Meditation, spirituelle Introspektion, Naturerlebnis, Einsamkeit aushalten, Erleuchtung, Ruhe haben vom Alltagsstress, Ballast abwerfen, Abenteuerlust, Timeout, sich einfach von Zuhause aufmachen, Erfahrung von Transzendenz.
Den typischen Pilger oder die Pilgerin gibt es also nicht. Ich hatte viele überraschende, aber auch seltsame Begegnungen, so zum Beispiel mit jungen Japanern, die es cool fanden, den Weg zu gehen, oder mit einem betagten Italiener, der offenbar nicht mehr die Kraft besaß, seinen Rucksack abzustreifen, und mich stehend bat, seine Trinkflasche herauszufischen. Wenn er jetzt absitze, seufzte er, könne er nicht mehr aufstehen. Trank, bat mich, die Flasche wieder zu verstauen, und kämpfte sich weiter. Oder mit einem veritablen Spinner, der, in
grobes Sacktuch gehüllt und mit schwerem Holzkreuz auf dem Rücken, dem armen Mann aus Assisi nacheiferte. Oder ich erinnere mich an jene junge Frau, die, das Handy ans Ohr geklemmt, ihrer Liebe (in Italien) die Pracht der Eukalyptuswälder im Morgenlicht mit ihrem betörenden Geruch beschrieb. Und mit Bewunderung denke ich an jenen deutschen Behinderten (begleitet von seiner Freundin), der den spanischen Weg im Rollstuhl nun bereits zum zweiten Mal bewältigte. Beeindruckt hat mich aber auch eine Österreicherin, deren achtzehnjähriger Sohn sich das Leben genommen hatte, und die ihre Trauer auf dem Weg zu bewältigen suchte. Sie zitierte die Dichterin Friederike Mayröcker, die der Trauer um den Tod ihres Mannes Ernst Jandl so begegnet sei: „Heulen und gehen. Sehr rasch und viel gehen. Das ist gut, wenn man einen großen Schmerz hat.“
– Bruno Moll

Es sind keine Spieltermine für diesen Film vorhanden.
Zu Fuß nach Santiago de Compostela
Moviemento-Programmzeitung
Nr. 257 - Juni 2010
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