Im Bazar der Geschlechter
Im Bazar der Geschlechter
AT/IR, 2009, 85 min, OmdtU, R: Sudabeh Mortezai, K: Arastoo Givi, Majid Gorjian
Im Iran kann man auf Zeit heiraten, nur die Gebühr muss stimmen: Wie geht es den Menschen „Im Bazar der Geschlechter“?
Eine geschiedene alleinerziehende Mutter, ein einsamer Junggeselle und ein junger Mullah sind die ProtagonistInnen dieses intimen Einblicks in das Verhältnis der Geschlechter im Iran. Ihre Geschichten kreisen um die Praxis der Zeitehe, auch Lust-Ehe genannt, einer schiitischen Tradition, die es einem Mann und einer Frau ermöglicht, für einen befristeten Zeitraum zu heiraten, der von einer Stunde bis zu 99 Jahren dauern kann. Legalisierte Prostitution oder ein Schlupfloch für Paare, um eine Beziehung innerhalb des repressiven Rechts der Islamischen Republik Iran zu leben? Religiöses Dogma trifft auf Macho – Sentimentalität trifft auf weibliche Lebensrealität. Eine schonungslos ehrliche, kritische und bisweilen humorvolle Auseinandersetzung mit islamisch geprägter Sexualpolitik.
Im Iran kann man auf Zeit heiraten, nur die Gebühr muss stimmen: Wie geht es den Menschen „Im Bazar der Geschlechter“? Ein Gespräch zwischen einem Geistlichen und einem Taxifahrer im Iran. Sie sind auf dem Weg nach Qom, dem religiösen Zentrum der Schiiten. Leutselig fragt der Mullah seinen Chauffeur: „Haben Sie schon geheiratet?“ Die Antwort ist ganz freimütig: „Ja, jede Menge.“ Das bedeutet nun aber nicht, dass er auch schon mehrfach geschieden ist, sondern verweist auf eine Praxis des islamischen Rechts, die es erlaubt, Ehen auf Zeit zu schließen. Die Dauer ist dabei ganz nach den jeweiligen Umständen zu bemessen, manchmal dauert eine so genannte Mut‘a-Ehe („Genussehe“) nur eine halbe Stunde, manchmal wird sie aber auch zu einem Dauerprovisorium. Manche nutzen die Ehe auf Zeit für schnellen Sex, manche lernen auf diese Weise ihren künftigen Ehepartner schon ein wenig kennen, manche können sich keine Verehelichung im Vollsinn leisten und heiraten deswegen erst einmal auf Zeit. „All das hat das heilige Gesetz des Islam bedacht“, sagt ein Geistlicher zu Beginn des Dokumentarfilms Im Bazar der Geschlechter von Sudabeh Mortezai. Und tatsächlich ist es die Flexibilität, die dieses Rechtsinstitut erlaubt, die es auch so aufschlussreich macht. Denn die politischen und religiösen Umstände in der Islamischen Republik Iran bringen es nun einmal mit sich, dass Liebe und Sexualität keine Privatsache sind, sondern der Kontrolle durch den Staat unterliegen. Auf Ehebruch steht im Iran – wie in vielen anderen muslimischen Ländern auch – die Todesstrafe. Jede nicht sanktionierte sexuelle Handlung wird dadurch potentiell auch zu einem Akt der Subversion, von der freien Liebe wäre es kein großer Schritt zu einer freieren Gesellschaft. Die Zeitehe kann in dieser Situation zu pragmatischen Lösungen verhelfen, sie kann aber auch unzumutbare Verhältnisse zwischen den Geschlechtern verfestigen. Für beide Sachverhalte finden sich bei Sudabeh Mortezai Anhaltspunkte.
Die Zeitehe ist für sie so etwas wie der Schlüssel zu einem filmischen Gesellschaftsbild, in dem sehr viel über das Leben im Iran zu erfahren ist und das nicht zuletzt durch die politischen Ereignisse der letzten Monate hochaktuell ist. Wie in den Romanen aus dem viktorianischen England die Fragen der gesellschaftlichen Modernisierung in Heiratssachen zum Ausdruck kamen, ist auch hier der Ehestand ein entscheidendes Indiz für die wahren Lebensverhältnisse.
Der Taxifahrer kommt langsam in die Jahre, er hat sich lange Zeit eher locker durch das Leben geschlagen, nun wird er häufig damit konfrontiert, dass Singles es im Iran nicht leicht haben. Der Mullah sucht den Großayatollah Gerami auf, um sich nähere Auskünfte über die Zeitehe geben zu lassen – die Antwort, die er bekommt, ist sehr aufschlussreich: Während der Herrschaft des Schahs war die Zeitehe wie die Polygamie auch verboten, umso stärker assoziieren die Geistlichen sie deswegen mit der Islamischen Republik und ihren Sittencodices: „Es geht um den moralischen Bestand der Gesellschaft.“ Eine alleinerziehende Mutter und ihre Freundinnen bringen andere
Aspekte des vielschichtigen Zusammenhangs zur Sprache: Sie erzählen davon, welche seelischen und wirtschaftlichen Nöte sie zu durchleiden haben, zumal viele Männer die Zeitehe nur benützen, um sich eine Mätresse zu halten. Mit großer Offenheit bringt dagegen der junge Kleriker, der Sudabeh Mortezai als Führer durch die Gesellschaft dient, die Widersprüche zum Ausdruck: Junge Männer wollen sich auch sexuell selbst verwirklichen, aber dann eine Jungfrau heiraten. „Das ist die iranische Kultur.“ Der junge Mann aber, der eine Website zum Thema Zeitehe gegründet hat und einen „Blog über sexuelle Kultur“, will sich nicht mehr auf die Seite der Frauen oder der Männer schlagen. Er will offen über Themen reden, die alle zutiefst betreffen. Diese immer wieder unvermutete Offenheit prägt den Film Im Bazar der Geschlechter. Sudabeh Mortezai hat ein dichtes, stellenweise auch komisches, in jeder Szene hochinteressantes Porträt der iranischen Gesellschaft gestaltet, und sie schafft es dabei, die Menschen, die vor die Kamera treten, nicht zu diskreditieren: Sie alle leiden, bewusst oder unbewusst, an einem Geschlechterverhältnis, das Ungerechtigkeit festschreibt – manchmal für fünf Goldmünzen im Jahr, manchmal für 100000 Toman. Dem Taxifahrer wird die Sache allmählich zu teuer. „Ein Hotel ist billiger.“
Wohin dann aber mit der Sehnsucht?



