Die Frauenkarawane
Die Frauenkarawane
AT/BE/FR, 2009, 90 min, OmdtU, R: Nathalie Borgers, K: Jean-Paul Meurisse
Wenn ein Dutzend Frauen ihre Kamele satteln um einen 1.500 km langen Weg auf sich zu nehmen, dann ist es Zeit, die Datteln zu ernten, um so das Überleben der Familien zu sichern. Frauen mit ökonomischer Verantwortung.
Flirrende Hitze, mächtige Sanddünen, von weitem eine Karawane. Vertraute Bilder und doch ganz anders – denn diese Karawane besteht ausschließlich aus Frauen. Bei den Toubou, einem Nomadenvolk im Südosten der Sahara, ist es Frauensache, sich einmal im Jahr auf eine 1.500 Kilometer lange Reise zu begeben. Die Frauen durchqueren mit Kindern und vielen Kamelen die Wüste, um in den Oasen im Norden Nigers Datteln zu ernten und diese im Süden zu verkaufen. Der Weg ist beschwerlich, doch ein mögliches Verirren, Wassermangel, die Geburt eines Kindes unterwegs oder die lange Abwesenheit schrecken die Frauen nicht ab. Nur das Ergebnis zählt: Dank ihrer Einkünfte kann ein Nomadenhaushalt ein Jahr leben, ohne Tiere verkaufen zu müssen.
An dieser Reiseansicht ist einiges beachtlich: die Großzügigkeit der Bilder, die erstaunliche Beiläufigkeit im Tonfall, ein faszinierender erzählerischer Sog. Es sind surreale Bilder, die die längste Zeit des Films bestimmen. Da gibt es nichts als weiße Landkarten, grenzenlose Flächen, in denen die prachtvoll gekleideten Frauen die einzigen Referenzpunkte dieser Erzählung bilden. In der Oasenstadt dagegen richtet sich das Handeln der Frauen, ihr Auftreten, ihr ökonomisches Kalkül, ihr Taktieren sehr schnell an geläufigen Parametern der Zivilisation aus. Nathalie Borgers folgt diesen Frauen vorbehaltlos. Anstatt sie als Angehörige eines Nomadenvolks ethnisch zu sezieren, filmt sie Menschen und schafft so ganz natürliche Anknüpfungspunkte zum Publikum. Dass die Toubou dem Islam angehören, durch den hier nichts erklärt wird und nichts verstanden werden soll, wird damit zu einer Nebensache. Patriarchale Strukturen und autonomes Handeln sind der wahre Stoff dieser Erzählung. Paradox und ungerecht, restriktiv und dann wieder unvermittelt tolerant scheint diese kleine Nomadengesellschaft zu sein, die die Regisseurin an den südlichen Rändern der Sahara angetroffen hat. Doch je länger sie in Die Frauenkarawane unter sengender Hitze der gut dreißigköpfigen Karawane mit Frauen und Kindern folgt und nachts unter freiem Himmel den Geschichten und dem Tratsch der Touboufrauen lauscht, umso deutlicher wird, wie sich hier ein kleines, funktionierendes System gegenseitiger Abhängigkeiten etabliert hat, das im Notfall das Überleben aller in einem Lebensraum zu sichern versucht, wo für die Tiere, die Männer wie die Frauen stets eine das letzte Wort hat – die Wüste selbst.



