Defamation
Defamation
AT/DK/IL/US, 2008, 93 min, OmdtU, R: Yoav Shamir, K: Yoav Shamir
Defamation ist seine sehr persönliche Suche nach der Rolle, die Antisemitismus heute spielt.
Einerseits sei er persönlich noch nie mit Antisemitismus konfrontiert gewesen, andererseits gehöre die Rede davon zum israelischen Alltag wie ein stetes Hintergrundgeräusch, an das man sich gewöhnt, sagt Regisseur Yoav Shamir. Defamation ist seine sehr persönliche Suche nach der Rolle, die Antisemitismus heute spielt. Er begleitet unter anderem Abe Foxman, einen Überlebenden des Holocaust und Vorsitzenden der amerikanischen Anti Defamation League (ADL), dessen Leben ganz im Zeichen des Mahnens vor den immer noch virulenten Gefahren des Antisemitismus steht, sowie israelische Jugendliche auf Polenreise, die davon überzeugt sind, dass man sie überall auf der Welt hasst. Die Rolle des Antisemitismus als identitätsstiftendes Moment gerät so in den Mittelpunkt. Yoav Shamir sieht sich aber nicht als Schlachter einer heiligen Kuh. Das Nachfragen und die Option, neu über dieses hochemotionale Thema nachzudenken, sind ihm wichtiger als Feindbilder zu malen. Als junger Israeli tut er das wie ein Sohn, der die Überzeugungen der Elterngeneration unbequem hinterfragt. Gute Eltern lassen sich auf eine Diskussion ein. Der Film stellt unsere Ansichten und Terminologie in Frage, wenn ein Vorfall von einigen als antisemitisch beschrieben wird und von anderen als legitime Kritik an der israelischen Politik. Der Film behandelt die Grenze von Antizionismus, der die Vorstellung eines jüdischen Staates ablehnt, und Antisemitismus, der Juden ablehnt. Wird Ersteres dazu benützt, um Zweiteres zu entschuldigen? Und: Gibt es einen Unterschied zwischen der heutigen Form des Antisemitismus und der alten Form des gewöhnlichen Rassismus, der sich gegen alle Minderheiten richtet? Meinungen gehen oft auseinander und Gemüter gehen manchmal hoch, doch in Defamation erkennen wir, dass eines sicher ist – nur indem wir ihre Reaktion auf Antisemitismus verstehen, können wir auch wertschätzen, wie Juden heutzutage, und besonders die modernen Israelis, auf die Welt um sie herum reagieren, in New York, in Moskau, in Gaza und in Tel Aviv.
Die Idee, einen Film über Antisemitismus zu machen, hatte ich zum ersten Mal als einer meiner frühen Filme, Checkpoint, veröffentlicht wurde. In einer der vielen Rezensionen dieses Films wurde ich als ‚israelischer Mel Gibson‘ bezeichnet, aber nicht, weil ich so gut aussah, sondern aufgrund der Ansichten, die ich in diesem Film zum Ausdruck gebracht hatte: kritisch gegenüber der Politik Israels in Bezug auf die Palästinenser, was darauf hinwies, dass ich ein Antisemit sei. Der Autor dieser Rezession war selbst Jude. Zuerst fand ich es amüsant. Von einem amerikanischen, jüdischen Journalisten als antisemitisch bezeichnet zu werden, schien absolut weit hergeholt. Wie konnte jemand, der sich dazu entschlossen hatte, außerhalb Israels zu leben, der nicht in der israelischen Armee gedient hatte wie ich, der keinen Großvater im Krieg verloren hatte wie ich, die Frechheit besitzen, mich einen Antisemiten zu nennen? – Yoav Shamir



