Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte
Das weiße Band
DE/AT, 2009, 144 min, OdF, R: Michael Haneke
Die Farbe Weiß steht im christlich geprägten Kulturkreis für Reinheit, Tugend, Unschuld.
Weiß ist deshalb das Band, das der Pastor (Burghart Klauner) des Dorfes Eichwald seine Kinder strafweise um den Arm oder im Haar zu tragen zwingt, wenn sie etwas angestellt haben. Die Markierung als Sünder soll sie seiner Meinung nach nicht demütigen ebenso wenig wie die verabreichten Gertenhiebe sondern zurückführen auf den rechten Weg. Nicht alle Sünder im Dorf werden so gebrandmarkt und gezüchtigt. Die Erwachsenen, die die Regeln machen, setzen sich selbst ungeniert darüber hinweg.
Der Baron (Ulrich Tukur) schindet die Bauern und Landarbeiter aus, sein Verwalter (Josef Bierbichler) prügelt seine Söhne zum Gehorsam, der Arzt (Rainer Bock) beutet seine Sprechstundenhilfe (Susanne Lothar) in niedrigster Weise als Arbeitskraft und Frau aus, nur der junge Lehrer (Christian Friedel) steht etwas außerhalb der dörflichen Hierarchie, ist mit seinen knapp 30 Jahren noch nicht so weit weg von der Jugend, um nicht Dinge zu ahnen, die den im System Erstarrten nicht mehr auffallen.
Die von Ernst Jacobi beigesteuerte alte Erzählstimme des Lehrers führt in Hanekes Deutsche Kindergeschichte ein, sie suggeriert ein wenig Distanz zu den Geschehnissen aus der Zeit knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die in strengen Schwarzweißbildern von dokumentarischer Schärfe erzählt werden. Denn die Welt ist nicht mehr in Ordnung in Eichwald, seit der Doktor durch einen hinterlistig gespannten Draht in der Einfahrt zu seinem Haus samt Pferd zu Fall gebracht und schwer verletzt wurde. Der Unfall bleibt kein Einzelfall. Eine Landarbeiterin verunglückt tödlich, Kopf ab heißt es im Krautacker des Barons ausgerechnet zum Erntedankfest und viel schlimmer noch sein kleiner Sohn wird entführt und schwer misshandelt. Die Bedrohlichkeit der Anonymität dieser und noch schlimmerer Gewaltakte steigert den Druck ins Unerträgliche. Äußerlich bleibt alles ruhig, nur die Baronin (Ursina Lardi) zieht es vor, mit den Kindern nach Italien zu reisen. Der Lehrer interessiert sich mehr für das entlassene Kindermädel Eva (Leonie Benesch), um das er schüchtern zu werben beginnt, als um die seltsamen Vorgänge im Dorf. Und doch ist er es, der als einziger den versteckten Hilferuf eines Kindes wahrnimmt. Er ist es auch, dem Zusammenhänge zu dämmern beginnen. Als er sie jedoch dem Pastor gegenüber äußert, bekommt er eine eisige Abfuhr. Er kann als das geistliche und moralische Oberhaupt der Gemeinde um keinen Preis wahrhaben wollen, wohin das System der permanent gegen die Kinder ausgeübten Gewalt führen könnte. Michael Haneke treibt die Ereignisse auf eine Zuspitzung hin, die er nicht auflöst. Das viel größere Drama steht schon im Raum: Der Verwalter meldet dem Baron die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo. Das Schlussbild zeigt die Gemeinde in der Kirche, Ein feste Burg ist unser Gott wird gesungen und in der ersten Reihe sitzen schon die ersten vier Dorfburschen, die in den Krieg ziehen werden.



