Inferno
L'Enfer d'Henri-Georges Clouzot
FR, 2009, 94 min, EF, R: Serge Bromberg, Ruxandra Medrea, K: Irina Lubtchansky, Jérôme Krumenacker, D: Bérénice Bejo, Jacques Gamblin, Romy Schneider, Serge Reggiani, Dany Carrel, Jean-Claude Bercq
Mit dem Herzinfarkt von Regisseur Henri-Georges Clouzot endete auch sein überambitioniertes Filmprojekt L’ENFER (Die Hölle). Die Filmspulen des Filmes, mit Romy Schneider und Serge Reggiani in den Hauptrollen, galten seit den Dreharbeiten 1964 als verschollen. Um ihren Verbleib rankten sich mehr oder weniger originelle Mythen.
Einen Film über einen Film zu machen, der nie zustande kam, das hat auch etwas von Abenteuer und Verrücktheit in sich und erweist sich dem auf hohem Niveau gescheiterten Projekt von Henri-Georges Clouzot als würdig. Bromberg hatte Zugriff auf 15 Stunden Material, das von technischen Probeläufen bis zu fertigen Szenen, von faszinierenden Gesichts-Studien zu wilden Farbexperimenten, optischen Spielereien, kinetischen Kunstwerken und hin zu – man kann es fast nicht anders nennen – Demütigungsritualen für die Schauspieler reicht. Das alles ohne Tonspur. Allerdings gab es Storyboards, Fotos, experimentelle Tonaufnahmen und das Drehbuch von Clouzot.
Serge Bromberg legt mit dem Original-Bildmaterial, den Aussagen der Zeitzeugen und einigen zum besseren Verständnis einmontierten Dialogszenen das Puzzle von Inferno neu. Es ist, als ob man einem Restaurator über die Schulter schauen dürfte: auch wenn es nur Bruchstücke sind – die Kühnheit und Schönheit eines großen Entwurfs wird sichtbar. Zugleich aber auch die dunklen Sprünge des Wahns, die blinden Flecken der Ausweglosigkeit, in die nicht nur die Hauptfigur taumelt, sondern mit ihr das ganze Vorhaben. In einem eingespielten kurzen Interview mit Henri-Georges Clouzot, sagt der Regisseur in Anspielung auf Inferno mit leisem Sarkasmus, er sei wohl nicht wahnsinnig (gewesen), aber was Depression bedeute, wisse er. Einige Symptome, von denen die ehemaligen Mitarbeiter berichten, deuten darauf hin, dass Clouzot während der Arbeit an Inferno in eine Depression glitt: Schlaflosigkeit, Sprunghaftigkeit, endlose Wiederholungszwänge, Entscheidungsschwäche, völliger Verlust des Zeitgefühls, Realitätsverweigerung, Rückzug.
Nun geht es aber in der aktuellen Dokumentation um keine klinische Studie, sondern um die überaus kompetente und seriöse Annäherung an eine künstlerische Arbeit, die – fertiggestellt oder nicht – zu einem Meilenstein der Filmgeschichte wurde.
Und noch einmal Serge Bromberg: „Wir sehen, was Clouzot gesehen hat. Wir sind im Herzen künstlerischen Schaffens, das weder logisch noch erklärbar ist.“



